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#Logik

bild-1Eine kurze Notiz zu einer Diskussion über Logik, die im Anschluss an das heutige Seminar stattfand. Ausdrückliche Werkstattversion.

Thorsten geht, in Bezug auf den Wahrheitsbegriff, weitgehend mit Kant, wenn er Logik logische Urteile als analytische Urteile a priori beschreibt. Hier entfaltet sich die Tautologie der reinen Logik: Ohne eine Synthese, also das Hinzufügen eines weiteren Prädikats, das bislang nicht in der Menge der Aussagen enthalten war (beispielsweise in Form einer Anwendung: „x ist wahr“) entsteht keine (neue) Erkenntnis. Aus diesem Grund stufte Kant Mathematik als ein „synthetisches a priori“ ein, da in der simplen Addition der Zahlen 5 und 5 die Zahl 12 nicht enthalten ist. Kant schreibt in der Kritik der reinen Vernunft: „Daß 7 zu 5 hinzugetan werden sollten, habe ich zwar im Begriff einer Summe = 7 + 5 gedacht, aber nicht, daß diese Summe der zahl 12 gleich sei. Der arithmetische Satz ist also jederzeit synthetisch;“¹

Ist die Aussage, Wahrheit sei losgelöst von einem Beobachter potentieller Gegenstand theoretischer Reflexion, überhaupt haltbar? Was ist der Nutzen einer „reinen“ Logik, wenn sie immer durch die beobachterrelative Synthese „verunreinigt“ wird? „Seit Hegel kann man im Grunde wissen, daß man mit einer Logik, die widerspruchsfreie Gegenstände postulieren muß, Soziales aus der Umwelt der Wissenschaft ausschließt.“² Das soziale Leben arbeitet nicht widerspruchsfrei – und Widerspruch ist nicht mehr als ein Moment der Selbstreferenz von Sinn, denn jeder Sinn schließt die eigene Negation als Möglichkeit ein: „Unter Logik ließe sich, wenn man dieser Perspektive folgte, ein System von Regeln verstehen, das die Konstitution von Widersprüchen konditioniert.“³ Diese Defintion halte ich für intuitiv plausibel: Ohne Logik keine Widersprüche, sie ist zunächst ein Werkzeug zur Konstruktion und Erkenntnis von Widersprüchen.

Woher aber die Gewißheit, mit der wir die logische Wahrheit aus syllogistischer Deduktion oder mathematischer Gleichung (2 + 2 = 4) gewinnen können? Gibt es eine ideale Gewißheit (im Sinne Platons)? Liegt unter dem Schleier der unreinen Sprache die saubere Domäne der Mathematik verborgen, die von uns nur ent-deckt werden muss? „Wir erfinden uns die Regeln, und dann folgen wir den Regeln“ schreibt Heinz von Foerster.⁴ Und Ernst von Glaserfeld antwortet: „Du hast das sehr schön erklärt. Das ist genau, was ich auch glaube. Die Mathematik ist freilich eine freie Erfindung, nur wird das sehr oft mißverstanden, weil die Leute sagen, ja wenn es so frei ist, warum ist dann 2 x 2 immer 4?“⁵

Die Antwort liefert die zunehmende Abstraktion von konkreten Zählvorgängen, alles sensorische Material wird eleminiert.⁶ Die Hypothesen verschwinden aus dem Blickfeld und wie beim Syllogismus gilt: Es kann auch aus falschen Hypothesen richtig geschlossen werden. Die Hypothesen sind jedoch Verabredungssache: Wir landen wieder bei Viabilität. Alles weitere: Regelfolgen.

post scriptum: Dem geneigten Leser seien noch zwei oder drei Einträge in meinem Hauptblog nahe gelegt: „Fröhliches oszillieren!“ und „Wittgenstein sagt…„. Und natürlich „Die Moral von der Geschicht‘„…


¹ KANT, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft 1, Frankfurt/Main 1979, S. 56 (B16).

² LUHMANN, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/Main 1984, S. 490.

³ Ebd., S. 495.

⁴ FOERSTER, Heinz von, GLASERSFELD, Ernst von: Wie wir uns erfinden. Eine Autobiographie des radikalen Konstruktivismus, Heidelberg ³2007, S.132.

⁵ Ebd., S. 133.

⁶ GLASERSFELD: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme, Frankfurt/Main 1997, S. 281.

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#EvG

„Vom Gesichtspunkt des Handelnden ist es irrelevant, ob seine Vorstellungen von der Umwelt ein „wahres“ Bild der ontischen Wirklichkeit darstellen – was er braucht, ist eine Vorstellung, die es ihm erlaubt, Zusammenstöße mit den Schranken der Wirklichkeit zu vermeiden und an sein Ziel zu kommen.“ (Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, S. 22.)¹

#Wissen. Viables Wissen.

Scheinbar: „Knowing how“ der Naturwissenschaft versus „knowing that“ der klassischen, der Ontologie verpflichteten Erkenntnistheorie (vgl. S. 13) bzw. das Wissen über das Sein der Welt befand sich in der Verwahrung durch die Religion (vgl. S. 16). Glasersfeld widerspricht dieser Intuition, indem er tradierte Konzepte (Übereinstimmung, Kongruenz, Korrespondenz etc.) durch das Konzept der Viabilität (etwa „Gangbarkeit“, vgl. S. 18) ersetzt und den Begriff des Wissens damit aus einem wahrheitswertfähigen in einen funktionalen Diskurs überführt („praktisches Wissen“). Dieser Schritt ist notwendig gekoppelt an die eigene Erlebens- und Erfahrungswelt (vgl. S. 21). Weltbilder und Wissen müssen somit als Resultate von Konstruktionen der Individuen in ihren Interaktionen mit einer sozialen und physischen Umwelt aufgefasst werden. Diese Erkenntnis geht zurück auf die Forschungen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget (Akkomodation/Assimilation als Ergebnis auf erfahrene Irritationen/Perturbationen).

Der ontologische Absolutheitsanspruch wird zugunsten des flexibel-funktionalen Viabilitätsprinzips aufgeben. Im Zuge dieser Relativierung wird jedoch keinem erkenntnispessimistischem Relativismus Vorschub geleistet: Weltbilder und Wissen bleiben falsifizierbar! Wahrheit wird systemrelativ: Die Relation zwischen erinnertem Erleben und aktuellem.

#Objektive Wirklichkeit.

„Wissenschaftliche und religiöse Redeweisen ähneln sich darüber hinaus vielfach auch darin, dass sie beide meinen, absolutes Wissen zu vermitteln.“²

Deontologisierung der Welt: Die klassisch-philosophische Erkenntnistheorie begeht den Fehler einer petitio principii, die das als gegeben annimmt, was erst einmal zu beweisen wäre: Objektive, ontische Wirklichkeit (vgl. S. 17). Dieser naive Realismus ist tief verwurzelt in der europäischen Philosophiegeschichte, von der sich auch von Glasersfeld nicht völlig frei machen kann („Subjekttheorie“). Was sichert in Ermangelung von Korrespondenz mit einer objektiven Wirklichkeit nun Wissen? Epistemologisch hängt der Begriff des Viabilität m.E. eng mit dem Konzept der Kohärenztheorie (Grafik) zusammen. Das heisst: Widerspruchsfreiheit eines Überzeugungssystems (in Zeit-, Sach- und Sozialdimension!) ersetzt „Objektivität“ (vgl. oben: systemrelative Wahrheit).³

#Wahrnehmung der Welt.

Die Aufgabe des priviligierten Zugriffs auf eine objektive Wirklichkeit hat weitreichende Folgen. Jede sinnliche Wahrnehmung bleibt in Folge dessen beobachterabhängig, kein Beobachter (also auch kein Forscher) hat eine wirklichere, „sinnlichere“ Wahrnehmung als jeder andere Beobachter auch: Welcher „Meta-Sinn“ soll auch die Wahrnehmung via Sinn überprüfen können? Stattdessen: Prinzip der indifferenten Codierung. Interpretation der Signale von Sinnesorganen als Unterscheidungen von anderen Interpretationen, nicht aber von ontischen „Dingen“ (vgl. S. 21):

„Der „Bedarf“ wird dabei durch den Zusammenhang des Handelns bestimmt, in dem wir uns gerade befinden; und dieser jeweilige Zusammenhang erfordert nie, daß wir die „Umwelt“ so sehen, wie sie „in Wirklichkeit“ ist (was wir ja ohnedies nicht könnten), sondern verlangt nur, daß das, was wir wahrnehmen, uns zu erfolgreichem Handeln befähigt.“ (S. 22)

Angewendet auf das Prinzip der Viabilität bedeutet dies für die Wahrnehmung der Welt und unter Rückgriff auf den evolutionären Erkenntnistheoretiker Donald Campbell ein „zunehmendes Passen des Organismus in seine Umwelt“ (S. 27). Allerdings muss an dieser Stelle vor einem (wie auch immer) priviligierten Zugriff auf objektive Wirklichkeit gewarnt werden: „Wahrnehmung und Erkenntnis wären demnach also konstruktive und nicht abbildende Tätigkeiten.“ (S. 30) Viabilität garantiert das „Passen“ des Wissens mit dem bisherigen Erleben und hilft so beim fortlaufenden Aufbau, bei der Konstruktion von „Wirklichkeit“.

#Diskussionsfragen.

  • „Wie kann einem konstruktivistisches Wissenskonzept im Interaktionssystem des schulischen Unterrichts Rechnung getragen werden (beispielsweise mit Blick auf Leistungsbewertung)?
  • Wenn vor allem das Abgleichen von Wissen mit Anderen zur Steigerung der Kohärenz eines Überzeugungssystems führt: Was bedeutet dies für die Arbeit mit Wissen? Für seine Darstellbarkeit? Für die „Vermittlung“?

#Bonustracks.


#Anmerkungen.

¹Alle nicht gesondert gekennzeichneten Verweise basieren auf der folgenden Textfassung: GLASERSFELD, Ernst v.: Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität, in: GUMIN, Heinz, MEIER, Heinrich (Hg.): Einführung in den Konstruktivismus, München ⁶2002, S. 9 – 39.

² GLASERSFELD im Interview mit Bernhard PÖRKSEN. Vgl. ders.: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus, Heidelberg ²2008, S. 49.

³ Vgl. die eigene Grafik zum Kohärenzmodell.

Die Grafik basiert auf einer Fotografie von Christian Michelides und unterliegt folgender CC-Lizenz. Danke!

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Die Zeit der Helden ist vorbei

Vorweg: Ich möchte den Vergleich zwischen Management und Lehrtätigkeit nicht überstrapazieren. Das wird  schon viel zu häufig getan, wenn von „Wissensmanagern“ oder „Selbstevaluation“ die Rede ist. Mit nicht absehbaren Folgen für die Systeme von Wissenschaft und Erziehung: Die Konsequenzen des Verfahrens nach marktfundamentalistischer Ideologie brechen soeben über das amerikanische Finanzsystem herein, ein erster Preis für die Absurdität eines absoluten Marktes zeichnet sich am Horizont ab. Derweil basteln die Investmentbanker unter den Erziehungs-wissenschaftlern munter weiter an ihren Reformen; bekommt das bildungspolitische Klima seine eigene Katastrophe? Wie mag das schulische Pendant zu einem Börsencrash aussehen? Angesichts der aktuellen Umstände an den Bildungsinstitutionen möchte ich mich an dieser Stelle von einer allzu verkürzten Interpretation der hier unternommenen Vergleiche distanzieren.1 Heute erscheint mir das nötig.

Zum Heldenmythos: Der heroische Manager inszeniert sich durch seine Risikobereitschaft und die Verfügung über Kapitalvolumen.2 Analog kann für den heroischen Lehrer gelten, dass er sich durch einen uneinholbaren Wissenvorsprung, wenn nicht gar Allwissenheit, in Szene zu setzen pflegt. Doch der Mythos vom „Aufbewahrer des Wissens“ (Ernst von Glasersfeld) hat sich überholt. Dirk Baecker fordert für den postheroischen Manager einen Spürsinn für sachliche und soziale Dimensionen der Organisation von Arbeit und der Verteilung von Verantwortlichkeit:

„Das geht nur unheroisch, weil grandiose Gesten nicht geeignet sind, andere zur Mitarbeit anzuregen.“3 Dies gilt auch wesentlich für das soziale System Unterricht; traditionelle Sicherheiten werden brüchig4, Illusionen des Wissens und der Linearität lösen sich auf: Man kann doch gar nicht nicht unterrichten – das Superheldenkostüm wird in der Schule nicht gebraucht.


Grafik auf Basis von „Superman“ | flickr-User Dunechaser | cc-Lizenz | Danke!

Anmerkungen

  1. Zu dem Preis, dass der Zweifel damit gewissermaßen eine Existenz bekommt. Grundsätzlich gilt: „Je ausdrücklicher man die Intention einer Kommunikation mitkommuniziert, desto mehr sind Zweifel angebracht.“ (LUHMANN, Soziale Systeme, S. 499) Oder wie meine Freundin sagt: Wer sich verteidigt, klagt sich an. Aber lassen wir das an dieser Stelle.
  2. Vgl: BAECKER, Dirk: Postheroisches Management. Ein Vademecum, Berlin 1994, S. 18.
  3. Ebd., S.19.
  4. Vgl. VOSS, Reinhard: Die neue Lust auf Unterricht und das Wissen, sich auf eine „ungemütliche Sache“ einzulassen, in: ders. (Hg.): Unterricht aus konstruktivistischer Sicht. Die Welten in den Köpfen der Kinder, Weinheim, Basel (2. Aufl.) 2005, S. 9.