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Kausalität

Zaun

Ein kluger Mann versuchte einst, die wahre Natur der Wirklichkeit zu ergründen. Er meditierte täglich vor dem Zaun, der sein bescheidenes Anwesen umgab. Eine Holzlatte fehlte diesem Zaun, so dass ein Loch entstanden war; durch dieses Loch beobachtete der Mann häufig die grünen Weiden, die dahinter lagen. Tag für Tag passierte eine kleine Herde von Kühen dieses Loch im Zaun von rechts nach links, um zu ihren Weidegründen zu gelangen; und jeden Abend passierte dieselbe Herde das Loch von links nach rechts auf dem Weg zu ihrem Stall. Der kluge Mann sah dabei jeweils zuerst die Schnauze eines jeden Tieres, dann den Kopf, den Körper und schließlich den Schwanz. Eines Morgens sprang er auf, von einem tiefen Verständnis bewegt, und rief: “Die Nase verursacht den Schwanz!”

(Grafik: Ausschnitt aus “Fence” von smcgee, cc-Lizenz – danke!)

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Unstable Empathy


„An unstable emphaty is a reactive environment constantly remediated in real-time by the mind activity of two players which are constantly forced to negotiate their emphatic state. it’s a collaborative game in which the meanings of cooperation, entangling and collective consciusness are directly perceived on the physiological level.“  ↳ kinotek.org: „Kinotek Is An Attempt Of Emancipation From The Merely Instrumental Use Of Technologies And An Evolution Chance Through The Metabolising Process Between Nature And Culture.“

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Die Ordnung der … Bücher.

“… denn wenn ich eine besondere Bedeutung für »ordentlich« habe, dann werden mir einige »Ordnungen« anderer Leute als Durcheinander vorkommen – selbst wenn wir uns über das meiste einig sind, was wir als Durcheinander bezeichnen -” Gregory Bateson¹

Bücher

Gestern spielte ich kurzfristig mit dem Gedanken, für (neue) Ordnung in meiner (zugegebenermaßen recht bescheidenen) Büchersammlung zu sorgen. Enthusiastisch begab ich mich zum Regal; dort fand der Enthusiasmus aber alsbald ein jähes Ende: Wenn schon ordnen, dann richtig. Aber welche Ordnung ist die richtige? Mir schwante, dass diese Frage zu groß für ein kurzes Ordnungsprojekt am frühen Sonntagabend sein könnte. Ich beschloss, einen Hilferuf über Twitter zu senden (ärgerlich: Der Rechtschreibfehler. Eigentlich kann ich “Bücherregal” schreiben).

Regaltweet

Mittlerweile zweifelte ich an der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Aber Menschen mit einer Passion für Bücher (oder wahlweise: Schallplatten, CDs etc.) werden das Problem kennen: Eine Sortierung nach Verlagen korrumpiert jede thematische Ordnung, thematische Ordnungen sind mit Blick auf einzelne Bücher kontingent (Spencer Brown: “Philosophische Logik” oder “Systemtheorie/Konstruktivismus”?) – und überhaupt: wieso dann bei groben Vereinfachungen wie wissenschaftlichen Disziplinen stehenbleiben? Warum nicht einfach nach ästhetischen Prämissen vorgehen und die elegante “schwarze Reihe” von Suhrkamp als Basis nehmen und dann weiter nach Farbe (oder Format) sortieren? Nein – das würde die geliebte Luhmann-Abteilung zerfleddern. Gleiches gilt übrigens für die Verlags-Sortierung (Suhrkamp, Carl Auer, Merve, VS und einige mehr). Macht es heute (nach Chaostheorie, Theorien selbstorganisierender Systeme und Kommunikationen mit Zettelkästen) überhaupt noch Sinn, nach einer Ordnung des Ganzen, dem kata logos, zu suchen? “Triff eine Unterscheidung und du erschaffst ein Universum”, fasst Felix Lau die “Laws of Form” von Spencer Brown zusammen.² – Mir würde zunächst ein ordentliches Regal reichen.

Inzwischen gibt es Resonanzen auf den Hilferuf: Ich erhalte Antworten von ↳@FriederK, ↳@euboii, ↳@wruge und ↳@xenzen, die im Laufe des Abends die Frage sogar – und das beeindruckt mich wirklich – als Anlass für einen Artikel im ↳Stabi-Blog nimmt. Dort wird auf den indischen Bibliothekswissenschaftler ↳Ranganathan verwiesen, dessen fünftes Gesetz der Bibliothekswissenschaft eine Bibliothek als einen wachsenden Organismus bezeichnet („A library is a growing organism“). Also doch Selbstorganisation?

xenzen

Das Fazit: Das “Projekt: Neuordnung” liegt auf Eis. Nicht zuletzt auch, weil Anne mich in einem ↳letzten Tweet auf ein Buch hinwies, das vor einiger Zeit ganz oben auf meiner Leseliste stand (ich dann aber wie so oft aus den Augen verlor und das nun glücklicherweise wieder präsent ist): ↳”Zettelwirtschaft : die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek” von Markus Krajewski. Bis dahin: Mut zu losen Kopplungen: “Will man einen Kommunikationspartner aufziehen, ist es gut, ihn von vornherein mit Selbstständigkeit auszustatten”, schreibt Luhmann.³

Vielen Dank an all jene, die mir mit Ratschlägen zur Seite standen. Vielleicht reihen sich hier ja auch noch Interessierte ein?


¹ Gregory Bateson: Ökologie des Geistes, Frankfurt/Main 1985, S. 33.

² Felix Lau: Die Form der Paradoxie, Heidelberg ³2008, S. 195.

³ Niklas Luhmann: Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht, in: ders.: Universität als Milieu, Bielefeld 1992, S. 58.

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Mediologie & Zen

„Die Zen-Übung nun soll bewirken, daß das Bewußtsein frei werden kann, indem das Aufnehmen und Verarbeiten ständig neuer Sinneseindrücke unterbunden wird. Statt dessen konzentriert sich das Bewußtsein auf sich selbst, d.h. auf einen in ihm selbst wirkenden Strom von achtsamem Gewahrsein. Andernfalls würden neue Sinneseindrücke zu immer neuen Begriffsbildungen führen, und die Begriffe und Gedanken würden dann wiederum «verdinglicht», sie würden, wie ein Zen-Spruch aus dem Laṅkāvatāra-Sūtra sagt, für den Mond selbst gehalten, obwohl sie nur der Finger seien, der auf den Mond zeigt.“ (Michael von Brück: Zen. Geschichte und Praxis, München 2. Aufl. 2007.)

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Die Zeit der Helden ist vorbei

Vorweg: Ich möchte den Vergleich zwischen Management und Lehrtätigkeit nicht überstrapazieren. Das wird  schon viel zu häufig getan, wenn von „Wissensmanagern“ oder „Selbstevaluation“ die Rede ist. Mit nicht absehbaren Folgen für die Systeme von Wissenschaft und Erziehung: Die Konsequenzen des Verfahrens nach marktfundamentalistischer Ideologie brechen soeben über das amerikanische Finanzsystem herein, ein erster Preis für die Absurdität eines absoluten Marktes zeichnet sich am Horizont ab. Derweil basteln die Investmentbanker unter den Erziehungs-wissenschaftlern munter weiter an ihren Reformen; bekommt das bildungspolitische Klima seine eigene Katastrophe? Wie mag das schulische Pendant zu einem Börsencrash aussehen? Angesichts der aktuellen Umstände an den Bildungsinstitutionen möchte ich mich an dieser Stelle von einer allzu verkürzten Interpretation der hier unternommenen Vergleiche distanzieren.1 Heute erscheint mir das nötig.

Zum Heldenmythos: Der heroische Manager inszeniert sich durch seine Risikobereitschaft und die Verfügung über Kapitalvolumen.2 Analog kann für den heroischen Lehrer gelten, dass er sich durch einen uneinholbaren Wissenvorsprung, wenn nicht gar Allwissenheit, in Szene zu setzen pflegt. Doch der Mythos vom „Aufbewahrer des Wissens“ (Ernst von Glasersfeld) hat sich überholt. Dirk Baecker fordert für den postheroischen Manager einen Spürsinn für sachliche und soziale Dimensionen der Organisation von Arbeit und der Verteilung von Verantwortlichkeit:

„Das geht nur unheroisch, weil grandiose Gesten nicht geeignet sind, andere zur Mitarbeit anzuregen.“3 Dies gilt auch wesentlich für das soziale System Unterricht; traditionelle Sicherheiten werden brüchig4, Illusionen des Wissens und der Linearität lösen sich auf: Man kann doch gar nicht nicht unterrichten – das Superheldenkostüm wird in der Schule nicht gebraucht.


Grafik auf Basis von „Superman“ | flickr-User Dunechaser | cc-Lizenz | Danke!

Anmerkungen

  1. Zu dem Preis, dass der Zweifel damit gewissermaßen eine Existenz bekommt. Grundsätzlich gilt: „Je ausdrücklicher man die Intention einer Kommunikation mitkommuniziert, desto mehr sind Zweifel angebracht.“ (LUHMANN, Soziale Systeme, S. 499) Oder wie meine Freundin sagt: Wer sich verteidigt, klagt sich an. Aber lassen wir das an dieser Stelle.
  2. Vgl: BAECKER, Dirk: Postheroisches Management. Ein Vademecum, Berlin 1994, S. 18.
  3. Ebd., S.19.
  4. Vgl. VOSS, Reinhard: Die neue Lust auf Unterricht und das Wissen, sich auf eine „ungemütliche Sache“ einzulassen, in: ders. (Hg.): Unterricht aus konstruktivistischer Sicht. Die Welten in den Köpfen der Kinder, Weinheim, Basel (2. Aufl.) 2005, S. 9.
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Auf ein Wort: re-entry

Ein neuer Beitrag zur Kategorie „Auf ein Wort…“ – heute: re-entry.

x² + 1 = 0  |-1

x² = -1     |:x

x = -1/x

An dieser Stelle wird die Selbstreferenz offensichtlich: x kann nur mit Rückgriff auf x bestimmt werden. Durch Einsetzen von x = 1 erhalten wir folgende Gleichung:

1 = -1/1 = -1

Ein Paradox. Der zweite Versuch ist x = -1:

-1 = -1/-1 = 1

Ebenso paradox.


Die Darstellung folgt dem Vorwort zur ersten amerikanischen Auflage von Spencer-Browns „Laws of Form“, abgedruckt in: SPENCER-BROWN, George: Laws of Form. Gesetze der Form, Lübeck 1997, S. xxii.

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Auf ein Wort: „U4-208“…?

Ein Fahrstuhl steigt auf im Zahn U und spricht: „4. Obergeschoss“. Lange Betongänge entlang zum Raum U4-208, das sind 19 Quadratmeter und ein blauer Plastikeimer „Altpapier“: „Diese Uni war immer schon stolz auf ihre Nüchternheit“, sagt Martin Löning, ihr Archivar. „Und hier war sein Büro. Einmal hat er sich bei einem Kongress vorgestellt: Ich bin Niklas Luhmann aus U4.“ Weiterlesen