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Paradigm lost.

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„Ein Beobachter kann nicht sehen, was er nicht sehen kann. Er kann auch nicht sehen, dass er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann. Aber es gibt eine Korrekturmöglichkeit: die Beobachtung des Beobachters.“ – Niklas Luhmann, Reden und Schweigen

Wir nehmen also den Faden der Ariadne wieder auf: Auf der Suche nach potentiellen Kandidaten für das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium des Erziehungssystems sind wir, LUHMANNS Offerte des Kindes und des Lebenslaufes folgend, auf die Grenzen dieser Konzepte gestoßen. Zwar bleiben die Beschreibungen mit Blick auf eine umgreifende Pädagogisierung auch jener Systeme, die eigentlich die Umwelt des Erziehungssystems bilden, plausibel – verlieren alsbald aber ihre Anschlussfähigkeit für weitere Überlegungen. In letzter Konsequenz kann dann, wie wir ausgehend von Jochen KADES Aufsatz zum Lebenslauf festgehalten haben, von „dem Erziehungssystem“ keine Rede mehr sein: Ein stabiles System benötigt Limitionalität.

Auch Dirk BAECKER kommt zu dem Schluss, dass es sich beim Lebenslauf nicht um ein genuines Medium des Erziehungssystem handele und stellt dem Lebenslauf ein alternatives Konzept zur Seite; zudem merkt er aus distanzierterer soziologischer Perspektive an, dass sich das System in einer Orientierungskrise befinde: Die Erziehungswissenschaft als Reflexionstheorie des Erziehungssystems wisse nicht, ob sie sich in dieser Situation offensiv oder defensiv verhalten solle – beide Ansätze ließen sich auch im Artikel KADES wiederfinden: Wuchert das System in Folge der „lifelong learning“-Zumutungen über seine ehemaligen Grenzen hinaus und nimmt in Folge dessen eine Position in der Gesellschaft ein, die es dauerhaft nicht behaupten kann? Oder gilt der umgekehrte Fall: Das Erziehungssystem sieht sich mit einem drohenden Autonomieverlust konfrontiert, da auch andere soziale Systeme auf den Lebenslauf Einfluss zu nehmen beginnen und damit die bisherige Hoheit der Erziehung bei der „Personwerdung des Menschen“ deligitimieren?

Als Konsequenz bleibt zunächst die folgende Beobachtung: Der Lebenslauf wird nicht ausschließlich vom Erziehungssystem verwaltet. Die Vorstellung der Kopplung mit der Umwelt via Lebenslauf (insbesondere mit Blick auf Wirtschafts- und Wissenschaftssystem etc.) ist zwar sehr elegant, reicht aber zur funktionalen Analyse nicht aus. Wir müssen weiterfragen; wollen zunächst allerdings festhalten, dass der Lebenslauf durchaus als ein Medium begriffen werden kann, dass auch pädagogische Formbildung erlaubt. Doch insbesondere am Übergang von der Buchdruck- zur Computergesellschaft werden neuartige Orientierungen notwendig, wie noch zu beweisen sein wird.

Auch das Kind, von LUHMANN noch vor der Erörterung des Lebenslaufes als Aspirant für das Medium der Erziehung vorgeschlagen, erscheint als defizitäre Offerte: Wir hielten schon in der Vergangenheit fest, dass dieses Konzept den Fokus zu sehr auf schulische Erziehung richte. Zudem ist das Medium Kind ist nicht binär codierbar ((LUHMANN, Niklas: Das Kind als Medium der Erziehung, in: ders.: Schriften zur Pädagogik, Frankfurt/Main 2004, S 185.)). Somit ist eine vollständige strukturelle Ausdifferenzierung des Systems ausgeschlossen und führt direkt in die (insbesondere in den Initialbeiträgen dieses Weblogs behandelten) strukturellen Defiziten des Erziehungssystems führt.

Die Unbestimmtheit des Kommunikationsmediums spiegelt die Unbestimmtheit des Systems in der Krise wider; das ist natürlich kein Zufall. Es mangelt der Erziehung an Grenzen, sie benötigt eine den aktuellen Anforderungen angepasste De-Finition. Die klassische Erziehungswissenschaft ist Opfer ihrer blinden Flecken und oszilliert zwischen aktionistischen Übereifer und Selbstbemitleidung. Von Seiten der modernen Systemtheorie besteht spätestens seit Niklas LUHMANN eine interessierte Kommunikationsofferte: Die Soziologie, geübt als „Selbstbeobachtung der Gesellschaft“, kann Beschreibungen und ein begriffliches Instrumentarium anbieten, die auch in anderen Funktionssystemen gehört und aufgegriffen werden können. Es liegt an uns, dieses Angebot anzunehmen. In diesem Rahmen werden sich die folgenden Beiträge vor allem mit der Beschreibung des Erziehungssystems durch Dirk BAECKER beschäftigen, um Medium und Grenzen der Erziehung schärfer fokussieren zu können. Erst dann sind wir gerüstet, größeren Fragen nachzugehen. Zum Beispiel der, wie das Erziehungssystem auf die rezenten und kommenden Herausforderungen durch die Computergesellschaft reagieren kann.


2 Kommentare

  1. Interessanter Beitrag. „Paradigm lost“ passt sehr gut. Ich bin gespant wie es weiter geht und vor allem welche Lösungen im Paradigmenwechsel aufgegriffen werden.
    Vielleicht bedarf es auch des völligen Überdenkens des Erziehungsbegriff – ähnlich der neuen Denkweisen z.B. im Bereich der Unternehmensführung.
    Welches „X-System“ braucht eine Gesellschaft, um seine Mitglieder zu einem bestmöglichen Zusammenleben zu „führen“?
    Wie kann eine Gesellschaft die Ressourcen ALLER Menschen bestmöglich fördern und nutzen? Wer beobachtet aus 2. oder 3. Ordnung und verändert entsprechend?
    Freue mich auf den nächsten Beitrag!

  2. Hallo Alexander.

    Danke für dein motivierendes Feedback. Die Frage, die du stellst, ist insgeheim die Grundfrage dieses Blogs. In der Beschäftigung mit dieser Frage entstanden (und entstehen) eine ganze Reihe anderer Fragen, die ihr vorgelagert sind und sich dennoch auf sie rückbeziehen. Ich hoffe, dass durch die Frage nach Medium und Grenzen des Erziehungssystems zusätzliche Klarheit gewonnen werden kann. Denn was hat Pädagogik zu leisten? Ich gehe mit meinem Professor Torsten Meyer, dass sie auf grundlegender Ebene Bildung hervorzubringen habe, als „unabdingbare Voraussetzung für die Teilhabe an der pluralen Großgesellschaft“ (MEYER, Torsten: Interfaces, Medien, Bildung. Paradigmen einer pädagogischen Medientheorie, Bielefeld 2002, S. 216.). Letztlich wäre dann ein „Bildungssystem“ sogar identisch mit der Gesellschaft, weshalb der Bildungsbegriff eher als eine Art Kontingenzformel (BAECKER) zur Reflexion der Aktivität des Erziehungssystems dienen sollte, denn die komplette Gesellschaft kann unser kleines Funktionssystem sicher nicht auf seine Schultern nehmen; damit gehört der Begriff also eher in die Erziehungswissenschaft als in die Schule… Aber ich greife vor.

    Auf jeden Fall werde ich versuchen, mit diesem Blog zu einem etwas regelmäßigeren Veröffentlichungsmodus zurückzufinden, so dass deine Vorfreude nicht überstrapaziert werden muss.

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